Newsletter Dezember 2019 - Vom Glück des Gebens

Wieder einmal ist die Zeit der tiefsten Dunkelheit des Jahres angebrochen. Manche Menschen tragen ihre Einsamkeit und ihren Schmerz schwerer als sonst.

Ich denke, in diesen Tagen werden die innersten Sehnsüchte des menschlichen Herzens geweckt, die man ja eine Zeitlang zudecken kann, aber doch nicht für ein ganzes Leben. Ich weiß nicht recht, wie ich sie bezeichnen soll - ist es die Sehnsucht nach Geborgenheit, Gemeinschaft, Einheit und Frieden?

Diese Sehnsüchte können sich oft nicht realisieren, da wir so vieles haben wollen. Wir streben nach maximalem Glück in möglichst kurzer Zeit. Dabei gerät aus unserem Blickfeld, dass dieses viele Haben wollen und Nehmen uns die Energie im Leben raubt.

Die Übung des Zazen widerspricht allem, was diese Haltung ausmacht: "Es muss schnell gehen, es muss mir gut tun, es darf nichts kosten!"

Und doch fasziniert Zen. Warum? Weil unsere tiefste Sehnsucht lebt und noch nicht verschüttet ist.

Im Zen ist das freie Geben (Dana) eine Grundtugend.

In einem Dialog fragt ein Schüler seinen Meister: “Wie kann ich das Tor der Befreiung durchschreiten?” Und Ekai antwortet: “Durch Dana Paramita”. Der Mönch sagte: “Der Weg der Befreiung besteht doch aus sechs Paramitas (Tugenden). Warum genügt nur das eine Paramita (Geben), um das Tor zu durchschreiten?” Und Ekai antwortet: “Die Menschen verstehen nicht, dass die anderen fünf Paramitas aus Dana bestehen."

Der Schüler ist verdutzt. Wie ist das möglich? Was bedeutet Dana? Und Ekai weist darauf hin: “Dana heißt loslassen”.  “Von was?”, denkt sich der Schüler.

“Von ich, von mir, von mich und von mein. Loslassen von Denken in gut und böse, von Sein und Nicht-Sein, von Haben und Nicht-Haben, von Leere und Form, ….. “

Dogen sagt es so: “Beim Sitzen, lass Körper und Geist abfallen!” Das ist das totale Loslassen.

Und Meister Eckhart: "Der Mensch soll sich selbst einmal lassen, dann hat er alles gelassen".

Das Geben gehört zum Wesen des Zen. Vielleicht gelingt das Loslassen im Zazen oft so schwer, weil wir die vielen Möglichkeiten, die wir im Alltag hätten, vorbeiziehen lassen.

Andererseits gibt es nicht wenige, denen es ganz leicht fällt loszulassen von dem, was sie haben und die es im Zazen genauso schwer haben wie die anderen auch, sich selbst zu lassen.

Jeder von uns muss an dem Punkt üben, wo es am schwersten ist. Nur dadurch wachsen wir wirklich zu reifen Menschen heran.

In Japan wird in der bitterkalten Jahreszeit noch immer der Bettelgang praktiziert. Eine kurze Episode aus dem Buch “Aus dem Herzen der Stille” von Mauro O´Halloran macht es anschaulich:

Mit unseren Bettelschalen und Glöckchen ziehen wir langsam durch die Straßen von Moryoka. Durch Schnee und Matsch, in Strohsandalen. Glöckchen läutend, betend. Winzige alte Weibleins schieben ihre Türen auf, werfen Münzen in eine Schale und warten mit ihrer langen Schürze mit gesenktem Haupt darauf, dass einer der Mönche sie segnet. Wenn ich gehe und dabei rezitiere und mich weder frage wie spät es wohl sein würde noch die Türen beobachte, bin ich sehr glücklich…

Komischerweise ist das Betteln gar nicht so schlimm. Ich trage buchstäblich zehn Schichten von Kleidung und wenn die Finger und Zehen einmal abgestorben sind, spürt man gar nichts mehr…. es macht Spaß auf die Straße zu gehen und aus vollster Kehle zu singen. Dann rumpelt eine kleine Holztür und wird aufgeschoben. Eine gebeugte Oma, die ihren Schal umklammert, schlurft in den Schnee hinaus, um so viel sie kann, in die Schale zu werfen. Dann verneigt sie sich höflich und wartet auf den Segen. Wenn ihr sehen könntet,  wie sie mit Tränen in den Augen das Gewand von uns berührt und uns dankt ...”

Hier bedankt sich diejenige, die gegeben hat.

Die Übung des freien Gebens in unserem Alltag hilft uns, uns zu lösen von dem, was wir haben. Und sie könnte eine große Hilfe sein für das große Loslassen und für die große Befreiung.

Damit könnten wir auch einen Akzent setzen, der unserer Gesellschaft fremd ist. Trotz dem großen ehrenamtlichen Engagement zahlreicher Menschen, meinen noch immer viele, dass einige Bereiche unseres Gemeinwesens selbstverständlich seien und wir uns nur zu bedienen hätten. Die Gemeinschaft sei dazu da, für mich aufzukommen.

Wir können durch die Übung des Zazen und die Übung des Dana auf die Spur kommen und unsere inneren Tendenzen durchschauen und uns von der Illusion lösen, uns abzusichern, immer mehr Geld zu horten und unser eigenes Glück maximieren zu wollen.

Viele von euch haben in diesem Jahr wiederum viel für unsere Sangha eingebracht. Sei es durch intensives Zazen, Mithilfe im Zendo und bei diversen Kursen oder durch Spenden.

Es ist mir ein großes Anliegen Danke zu sagen und euch allen eine gesegnete Weihnachtszeit und ein gesundes Neues Jahr zu wünschen!

Von Herzen, 
Christoph