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Vom Heiligen der Wiederholung



Aufgrund der Pandemie besteht seit über einem Jahr unser virtuelles Zendo, wo wir täglich morgens und abends zum Sitzen zusammenkommen.


Der Wert der Übung besteht in der Regelmäßigkeit, damit sich das volle Potential unseres wahren Selbst entfalten kann.


Die gemeinsamen Zeiten sind für viele eine große Erleichterung, entschlossen und ausdauernd die Übung immer wieder von neuem aufzunehmen.


Elias Canetti spricht vom “Heiligen der Wiederholung”. Seit geraumer Zeit üben wir die Meditation der vier Schritte.


Die Übung sammelt uns zunächst aus der Zerstreuung aus dem Vielerlei und führt uns in die Erfahrung der tiefen Stille.


Wie schnell wir weiterkommen, durch welche Landschaften wir kommen, muss nicht unsere Sorge sein. Die Übung wirkt an uns und wir werden empfänglich für unser ursprüngliches Gesicht, das weder geboren werden kann noch sterben kann.


Dazu eine Geschichte, vom Leben geschrieben, weitergegeben von Zenmeister Eido Shimano:


Eine Frau, Schülerin eines japan. Zenmeisters, der vor 100 Jahren gelebt hat, hatte ihr Enkelkind verloren. Sie wurde krank vor Trauer. Die Angehörigen benachrichtigen den Meister, und er besuchte die Frau; er brachte ihr eine Blume und erkundigte sich, wie es ihr gehe. Sie lag zu Bett, in Tränen aufgelöst. Der Meister fragte sie: “Möchten sie die Kleine wiedersehen?” Sie schöpfte Hoffnung und sagte: “Gewiß, ich möchte meiner allerliebsten Enkelin wieder begegnen, doch wie könnte so etwas geschehen?” Der Meister sagte: “Sie liegen im Bett und haben nichts zu tun, sagen sie von früh bis spät: `Namu Amida Butsu, Namu Amida Butsu`(= Verehrung dem Buddha Amitabha` // Jesus, erbarme dich), bis ich nächste Woche wieder komme.”


Dann ging er. Die Frau sehnte sich so nach dem herzigen Kind ihrer Tochter, dass sie sich ans Aufsagen des Nembutsu machte und nicht mehr abließ davon. Natürlich kamen ihr Zweifel. Aber sie hielt durch, einen Tag lang, zwei, drei …. So verging die Woche.


Als der Zenmeister erneut zu Besuch kam, fand er sie beim Aufsagen von Namu Amida Butsu. “Wie geht´s?” “Ich habe mich an Nebututsu gehalten, wie sie es mir aufgegeben haben: meine Enkelin kommt aber nicht zurück.” “Nun, dann tun sie`s eine weitere Woche lang!”


Als er zum zweiten Mal kam und sich erkundigte: “Wie steht´s?”, antwortete die Frau: “Ich genieße Nembutsu. Bloß ist da eine Schwierigkeit. Seit zwei Wochen sage ich ununterbrochen `Namu Amida Butsu`, mein Mund ist völlig erschöpft (ganz pelzig). Gibt es keine bessere, leichtere Methode?” “Doch”, erwiderte der Meister und wies auf ihren Wecker. “Können sie hören, wie er tickt? Richten sie ihre ganze Aufmerksamkeit allein auf dieses Ticken. Das ist alles.” Und wieder ließ er sie allein.


Die Frau befolgte seine Anweisung, und als er zum dritten Mal wiederkam, fand er, dass ihre Aufmerksamkeit spürbar zugenommen hatte. Er ahnte, dass die Zeit bald reif sein würde.

Nach ein-zwei weiteren Wochen strahlte ihm die Frau glücklich entgegen. Sie bedankte sich unter Tränen bei ihm: “Sie sagten, dass ich meine süße Enkelin wiedersehen könne. Jetzt verstehe ich, was sie gemeint haben.”


Damit endet die Geschichte. Diese Frau hat wirklich geübt, mit großer Aufmerksamkeit und Ausdauer trotz Schwierigkeiten, die auch wir gut kennen. Sie hat durchgehalten - und ihr sehnlichster Wunsch ist erfüllt worden.


Sie hat Ein-Sicht bekommen in das Nicht-Geboren-Werden und in die Unsterblichkeit aller Wesen - damit auch ihrer Enkelin.


Unsere Übung ist so wertvoll, weil sie uns ermutigt uns zunächst uns und den Fakten ins Auge zu schauen, ihnen nicht auszuweichen, aber sie auch nicht festzuhalten. Wir gehen ins Unausweichliche - aufrecht und gelassen.


Jeder Atemzug ist unausweichlich. Wir üben ohne Vorbehalte, ohne Absicherung, ohne Schönfärberei, ohne Hoffnungs-Gedanken, sondern nüchtern Schritt für Schritt.


Die bevorstehende Karwoche erzählt uns vom Leben Jesu. Der Mythos von Jesus ist zugleich unser Mythos.


Als Menschen erleben wir Zuneigung und Anerkennung, wir trauern, wir fühlen uns verletzt und sind verzweifelt, wir leiden. Das gehört zu uns. Es ist manchmal unausweichlich. Es ist schwer in diesen Stunden Vertrauen zu gewinnen und sagen zu können, nicht mein Wille, meine Vorstellung soll geschehen, sondern das, was das Leben jetzt von mir abverlangt, nehme ich aus freien Stücken an.


In unserer Zenübung lernen wir nicht in Verbitterung und Resignation zu verweilen, sondern weiterzugehen, dem Leben selbst tief zu vertrauen, dem ungeborenen und unendlichen Leben zu vertrauen, das sich gerade jetzt und hier ganz frisch offenbart. Einmal im Geboren Werden, dann im Sterben, einmal im Schmerz und ein anderes Mal in der Überwindung des Schmerzes.


Wenn wir wirklich zu unserem wahren Herzen erwachen, dessen Wesen unberührt bleibt von Entstehen und Vergehen, werden wir unsere menschliche Bedingtheit voll annehmen und wir werden tiefer in Güte und Weisheit da sein.


In diesem Sinne wünsche ich euch allen ein frohes Osterfest und eine gesegnete Zeit.


Christoph




Zendo Rosinagasse: 1150 Wien, Rosinagasse 8/11