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Was muss geschehen? Der Mensch ohne Ich


In den letzten Wochen durfte ich mit vielen von euch in den Bergen unterwegs sein. Welche Fülle durften wir erleben - die satten Wiesen, Bäche, die einsamen Bergseen, die Blumen und Kräuter, die Vögel, die Kühe auf den Almen, die herrliche Aussicht auf den Gipfeln … und auf der anderen Seite die bedrohlichen Nachrichten aus den diversen Staatskanzleien, das Sehen von Menschen, die auf der Flucht sind oder arbeitslos und arm geworden sind.

Diese beiden Pole sind ständig präsent. Auf der einen Seite das volle, pralle Leben und auf der anderen Seite das Leben der Menschen an den vielen Brennpunkten auf dieser Erde, die zurzeit so viele sind.


Was tun? Was muss wirklich geschehen, damit die Welt nicht auf einen globalen Kollaps hin steuert?


Zhuangzi hat vor 2400 Jahren Texte geschrieben, wo es die gleichen Probleme gab. Die gleichen Fragen. Das ist wirklich erstaunlich.


Der Lieblingsschüler von Konfuzius, Yan Hui suchte Konfuzius auf und bat eine Reise zu unternehmen. “Wohin willst du?”, fragte Konfuzius. “Ich reise nach Wai”. “Was willst du da?” “Ich habe gehört, dass der Herrscher von Wai sich wie ein Diktator benimmt. Er ist leichtfertig in der Ausübung seiner staatlichen Vorrechte und blind für seine eigenen Fehler. Er nimmt den Tod seiner Untertanen auf die leichte Schulter …

Ich denke mir einen Plan aus wie ich die Krankheit des Staates Wai heilen kann”. Darauf sagt Konfuzius: “Ich fürchte, du wirst in Schwierigkeiten geraten, wenn du dort hingehst.”


“Die höchsten Menschen der Vergangenheit suchten zuerst die Essenz des Herzens und erst danach sahen sie es in anderen. Bevor man nicht mit dem, das man in sich selbst zu bewahren hat ins Reine gekommen ist, wo nehme man die Muse und die Kraft sich um das Benehmen eines Tyrannen zu kümmern?”


“Lass mich hören, was du planst?”, fragte Konfuzius. “Ich werde würdevoll, leidenschaftslos, energisch auftreten”. “Das wird nicht funktionieren”, sagte Konfuzius. Der Herrscher von Wai platzt vor Stolz und seine Launen sind unberechenbar. Er wird sich deinen Plänen stur widersetzen… “

“.... dann verhalte ich mich aufrecht und klar und äußerlich biegsam. Das wird keine Kritik hervorrufen. Das wird dann funktionieren”, sagte der Schüler. “Das wird nicht funktionieren”, sagte Konfuzius. “Diese Methode wird dich vielleicht vor Schaden bewahren, aber zu mehr wird sie nicht gut sein. Wie könnte sie von Grund auf Änderung hervorrufen? Du orientierst dich noch immer an deinen eigenen Vorstellungen und Ideen”.


“Jetzt weiß ich auch nicht mehr weiter”, sagt Yan Hui. “Du musst fasten”, sagte Konfuzius. “Fasten des Herzens”. “Was ist das?”

“Mache deinen Willen einheitlich und höre nicht mit den Ohren, …. , sondern mit deinem ursprünglichen Atem. Die Ohren können nicht mehr als hören, der Geist kann nicht mehr als berechnen. Der ursprüngliche Atem wartet aber leer auf die Dinge….”


Dann vergeht eine Zeit und Yan Hui kommt zurück zu Konfuzius und sagt: “Als Yan Hui noch nicht mit dem Fasten des Herzens begann, war er ganz sicher Yan Hui zu sein. Jetzt, wo er das Fasten des Herzens anwenden kann, kann er nichts mehr mit Yan Hui anfangen. Kann man das als das Fasten des Herzens nennen?” Konfuzius sagt: “So ist es”.


Ein uralter Text. Als Yan Hui frei von seinem Ich war und er nicht mehr voller Ideen und Konzepte war, von dem, was er machen sollte, war er nach Auffassung von Konfuzius reif für die Reise.


Dieses Frei von Ich sein, finden wir nicht nur bei Zhuangzi, bei Laotse oder bei Konfuzius. Das finden wir auch bei Jesus im Neuen Testament: “Nicht wie ich will, sondern wie du willst”. Sprachlich anders ausgedrückt.


Wenn das Ich nicht mehr im Zentrum steht, dann muss man nicht mehr fragen, was zu tun ist. Dann tue ich einfach das, was die Situation verlangt.


Zhuangzi sagt am Anfang des Buches: “Der höchste Mensch ist ohne Ich”.

Wenn das Ego in das Größere eingeschmolzen wird, dann werden wir angemessen aktiv sein und wir wissen, was unsere Aufgabe ist.


Wenn wir bei unserem Sitzen wirklich nichts wollen, strahlen wir Mitgefühl in die Welt hinaus. Davon bin ich zutiefst überzeugt. Es ist eine Anteilnahme ohne Sentimentalität.

Das ist das, was geschehen muss und dann tun wir das, wo wir nicht wegsehen können, was wir nicht suchen müssen…


Und gleichzeitig gilt es weiterhin die eigene Ohnmacht und Hilflosigkeit auszuhalten.


“Lehre uns, was sorgen und was nicht sorgen ist. Lehre uns still zu sitzen”. (T. S. Eliot)


Das gemeinsame Online-Sitzen findet jeden Morgen (von Mo - Fr) von 6:30 bis 7:00 und am Montag und Mittwoch von 19:30 bis 20:15 Uhr statt.

https://swiy.io/gemeinsam-sitzen


Im Zendo sitzen wir jeden Montag und Mittwoch von 19:30 bis 21:00 Uhr.

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Das diesjährige Freundeskreistreffen fällt heuer aufgrund der Coronakrise aus.


Ein ganz großes Danke allen, die unser Zendo durch vielfältige Dienste und finanzielle Beiträge unterstützen!


Von Herzen,

Christoph


Foto: Christian Holzknecht

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