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Zen und Wandern - ein Erfahrungsbericht


Auch in diesem Jahr galt es wieder zu packen, sich vorzubereiten, an alles zu denken, um dann angekommen, wenig zu denken (was das Schwerste schlechthin ist). Allein die Anfahrt war ein Erlebnis. Ein Zwischenstop in Velden – eintauchen in eine andere Welt- das Strandbad ganz für mich allein, um in den Wörthersee einzutauchen, schwimmen im klaren türkisblau dieses überwältigenden Sees, umgeben von traumhaften Bergen. Danach gemütlich weiter in Richtung Maria Luggau. Ankunft im Kloster, Zimmer beziehen, Zimmer mit Blick zum Kloster-Innenhof. Was an sich nicht schlimm ist, nur dass derzeit gebaut wird - also verstärkend nach innen schauen und dann noch Baustelle. Was bedeutet Baustelle: Zerstörung, Veränderung, Wiederaufbau und damit eine neue Realität erschaffen. Andererseits loslassen in etwas Ungewisses und sich verneigen vor dem, was kommt- egal, was es ist. Eine große Übung.




Tag 1 – ein Sonntag begann für mich mit einer einfachen Rundwanderung von Maria Luggau ins Ebnertal, Moosertal- Sterzer Hochwiesen- Frohn-Sterzen und zurück. Das Grün war bestechend, der Himmel stahlblau und Fotomotiv folgte dem nächsten. Doch ruhig mit viel Zeit und Staunen ergab sich eine Ruhe in dieser Runde - eine Berührung in unendlicher Schönheit. Düfte, Farben, Brillianz, Klarheit, Tiefe und viel Sonnenlicht.




Am Abend begann unsere Gruppen-Zeit im Schweigen. 27 Menschen haben sich entschieden 6 Tage miteinander zu verbringen und intensiv zu praktizieren. Obwohl es nicht meine erstes Retreat mit Christoph Singer – unserem Zen-Lehrer war, kannte ich heuer nur fünf Menschen. Es galt sich völlig einzulassen und achtsam zu sein. Non verbal - aufmerksam-bewusst in jeder einzelnen Handlung. Schuhe abstellen, essen, gehen Schritt für Schritt, ganz bei dem sein, was jetzt dran ist. Christoph ist unglaublich einfühlsam und weist andererseits direkt auf “Fehler” hin, auf eine Art und Weise, die gar nicht abzulehnen möglich ist. Sie entspringt genau dem tiefsten Verständnis über den Wert der Kleinigkeiten, die eben nicht sinnlos sind, sondern alle Bedeutung haben. Auch wenn man das manchmal nicht wahrhaben möchte.


Wohin gehen wir? Immer nach Hause. Nach innen geht der geheimnisvolle Weg. In uns oder nirgends ist die Ewigkeit mit ihren Welten.

Novalis


Und so begannen wir zu sitzen.




Meditatives Sitzen (Zazen), langsames Gehen unhörbar- langsamst (Kinhin), sitzen, hören. Wie unterschiedlich Zeit doch vergeht - mal sind 25 Minuten schnell, mal ganz langsam, mal nicht enden wollend. In vier Schritten in die Stille geführt zu werden tut gut und passiert irgendwann von ganz allein. Im Yoga spricht man von Samskaras, die sich dann gebildet haben. Furchen, vergleichbar mit Straßen die das Fahren erleichtern, um ans Ziel zu kommen. Wenn gleich das Ziel hier nicht Ziel ist - das Eintauchen in den Herz-Raum. Vertieft durch Wiederholung.


Nachts schlafen, tief. Hier zumeist intensiv träumend und morgens um 5 Uhr aufstehen, um dann um 5.30 im Klostergarten schnelles Gehen zu praktizieren.


Tagesziel Montag, Mariä Himmelfahrt: die Samalm. In meinem Kopf die Erinnerung ans letzte Jahr, Kälte und strömender Regen, frieren. In der Angst, es könnte wieder so sein (meine Wetter App schloss das nicht aus), gut gerüstet mit Haube, Schal und Wechselgewand hinauf auf den Berg. Das Wetter - wie von Christoph angekündigt- warm sonnig und mild. Es ließ mich schmunzeln nach innen und außer dass ich mindestens 2 kg Gepäck zu viel dabei hatte, ist ja nichts passiert. Eingebettet zwischen den Lienzer Dolomiten und den Karnischen Alpen aus-ruhen.


Dafür Stille, Frieden, Rast ehe es zurück ins Tal ging. Immer hintereinander gehend, wälzte sich unsere Menschenreihe durch die Landschaft, für uns Entgegenkommende immer eine überraschende Bemerkung wert (von “Hups, das ist ja ein ganzer Bus” oder “Das hört ja nie auf” bis zu “Das ist `ne richtige Prozession..”) Was auch immer wir in den Augen der anderen waren, für uns ein Weg, den wir für uns und alle anderen gegangen sind. Weiter, weiter und weiter.

Ein nächste Sommer-Sonnentag war angekündigt und wir wanderten hinauf zum Obstanser See, Schritt für Schritt. Ich gehe, wenn ich gehe und ich schaue, wenn ich schaue. Nach drei Stunden bot sich uns ein wunderschöner Anblick. Der See – und wer wollte und konnte, tauchte ein ins kühle Nass. Nach der Anstrengung erfrischt das Bergseewasser umso mehr. Sich davon umspülen zu lassen ist Gnade pur für alles. Etwas befremdlich mutete ein einsames blaues Tretboot an - Veränderungen überall, ja, auch hier.


Es wird leerer im Kopf, neben gefühlter Fülle, erlebter Fülle, nur anders. Das Glück im Gehen finden. Es darf sein und es geht weiter bis das Kloster wieder erreicht ist, und kurze Zeit später wird man vom Sitz-Kissen begrüßt. Alles setzt sich. Das durch Bewegte kommt noch mehr zur Ruhe. Am Abend ein Teisho (spiritueller Vortrag). Berührend immer wieder, wie Balsam strömen die Worte durch den Körper. “Ich habe nichts gegen das, was geschieht” – Krishnamurti; den Tag damit abschließen, in die Nacht eintauchen, erholsam, was auch kommen mag. Und auch am nächsten Tag wieder hinauf, hinunter, sitzen, schauen, verdauen, staunen, durch gehen emotional und physisch. Luggauer Böden, erst weit ins Ebner Tal hinein, dann hinauf, dann SEIN.



Der Donnerstag machte seinem Namen alle Ehre, kräftige Gewitter gleich morgens. Doch um 10 h starteten wir einen Versuch gen Öfenspitze. Der Himmel grau, aber trocken, fern ein leichtes Grollen, Schritt für Schritt 1,5 h hinauf. Dann war klar: der Regen wird kommen. Wir blieben nicht trocken, abwarten, weiter oder zurück. Stille. Schweigen. Den Anweisungen Folge leisten- schließlich Umkehr. Und das Gewitter holte uns ein. Alles weglegen, Rucksäcke, Stöcke, Schirme und vereinzelt hinhocken bis es wieder ruhiger war. An nichts denken bedeutete das für mich, Konzentration auf den Atem – so entspannt wie möglich bleiben im Vertrauen. Gefühlt nach langer Zeit, dann endlich Entwarnung und Abstieg ohne Zwischenfälle, zurück zu den Autos und ins Kloster. Gut gegangen. Das Zusammenspiel Gruppe, Leitung (Christoph und Petra), Wetter Schicksal. Nein - Fotos gibt s da keine.

Freitag letzter Wandertag- noch einmal unbeständiges Wetter und wir gingen primär ganz entspannt durchs Gailtal nach St Lorenzen, von dort hinauf über den Xaveriberg zur Samalm, aus einer anderen Richtung und tatsächlich –



In den Zwischenzeiten war ich des öfteren im Klostergarten zu finden. Die Magie von Form, Farben; Düfte zogen mich in ihren Bann. Nature Art jede einzelne Blüte, jede Pflanze, jedes Kraut. Etwas, was sich jedes Jahr wieder erneuert und aus sich selbst heraus entsteht. Die Übungen verstärken die Option der Wahrnehmung, Natürliches wird zum puren Wunder und zum größten immer verfügbarem Geschenk. Man muss es nur sehen – wollen und können.



Wozu das Ganze? Was bringt es? Präsenz -Präsenz - Präsenz. Tiefere Erfahrungen des Momentes- es gibt nur einen Moment – und der ist JETZT. Die meisten Gedanken macht man sich um die Zukunft. Verankerst du dich ganz im Jetzt, ist es gut. Einfach. Das kann sich jeder überall, immer wieder ins Bewusstsein holen - innehalten- wahrnehmen- Mikromeditationen.


Nach einer Woche geht es zurück, bereichert, voller Dankbarkeit für das Stück Zeit mit den Weg- Gefährten, dankbar mich anvertrauen zu dürfen an das Team Christoph und Petra (Zendo Wien Rosinagasse) und möchte hier mit Christophs Worten schließen:


“Dieses Eins werden mit der Natur, mit den Bergen, mit dem Urgrund allen Seins, sind die großen Momente des Wanderns. In ihnen vergessen wir all unsere Sorgen, Verstrickungen und Lasten des Alltags. Unser Ego wird abgeworfen und das, was wir in unserer Tiefe sind, kann in jedem Augenblick strahlen und leuchten".


Von Annett Roth (https://villa-roth.at/)