Sag mir, was hast du vor mit deinem wilden, kostbaren Leben
- michael2051
- 27. Sept.
- 2 Min. Lesezeit

Christoph mit Maria & Ruben Habito
Bei unserem Freundeskreistreffen vor zwei Wochen stellte Ruben Habito uns die Frage der Dichterin Mary Oliver: “Sag mir, was hast du vor mit deinem wilden, kostbaren Leben?”
Es sind die letzten Zeilen ihres berühmten Gedichts “Der Sommertag”.
Der Sommertag
Wer machte die Welt?
Wer machte den Schwan und die Schwarzbärin?
Wer machte die Heuschrecke?
Diese Heuschrecke meine ich -
die sich selbst aus dem Gras katapultiert hat,
die jetzt Zucker aus meiner Hand frisst,
die ihre Kiefer vor- und zurückschiebt, statt auf- und abwärts-,
die ringsumher starrt mit ihren riesigen, komplexen Augen.
Jetzt hebt sie Vorderbeine und wäscht ihr Gesicht.
Jetzt klappt sie die Flügel auf und gleitet davon.
Ich weiß nicht genau, wie ein Gebet aussieht.
Ich weiß, wie man Aufmerksamkeit schenkt, wie man
ins Gras fällt, wie man sich ins Gras kniet,
wie man müßig und gesegnet ist, wie man durch die Felder streunt,
denn das ist es, was ich den ganzen Tag machte.
Sag, was hätte ich anders machen sollen?
Stirbt nicht alles am Ende und viel zu schnell?
Sag mir, was hast du vor
mit deinem wilden, kostbaren Leben?
Die letzten Zeilen treffen uns mitten ins Herz. Wir wissen, dass sich diese Frage rational nicht lösen lässt. Sie erfasst unsere ganze Existenz.
“Was hast du vor, mit deinem wilden, kostbaren Leben?”
Das Gedicht gibt uns einen zarten Hinweis.
Ich weiß, wie man Aufmerksamkeit schenkt, wie man
ins Gras fällt, wie man sich ins Gras kniet,
wie man müßig und gesegnet ist, wie man durch die Felder streunt, …
Doris Dörrie schreibt in ihrem Vorwort zu diesem Gedicht:
“... Mary Oliver fragt, ob dieser Tag heute wirklich ein produktiver Tag war, wenn wir keinen Grashüpfer wahrgenommen haben, sondern vielleicht nur auf unsere multiplen Screens gestarrt, uns in Diskussionen, Streitereien verloren, innere Monologe geführt haben, tausend Dinge erledigt, absolviert, abgearbeitet haben, blind und taub für den Grashüpfer waren. Um was geht es sonst im Leben, wenn wir uns nicht ins Gras fallen lassen? In einem Gespräch legte Mary Oliver großen Wert darauf, dass der beschriebene Grashüpfer tatsächlich existiert hat, tatsächlich auf ihrer Hand saß und vom Zucker eines Geburtstagskuchens einer Freundin naschte. Sie hat seine Existenz nicht nur bemerkt, sondern ihm durch das Aufschreiben ein zweites Leben gegeben, mit dem er und sie uns im Gedicht nun gemeinsam an unser eigenes Leben erinnern. Das hat viel mit Gefühl und Mitgefühl zu tun, Mitgefühl mit der Kreatur, aber auch mit uns selbst. Aufmerksamkeit ohne Gefühl ist nur ein Bericht, … , aber Aufmerksamkeit mit Gefühl, der Beginn von Hingabe.”
Besser kann es nicht gesagt werden.
Wie wichtig ist es doch für viele von uns, sich täglich Zeit zu nehmen für die Meditation, sich zu sammeln und sich einmal von den 1000 Dingen, die einem durch den Kopf gehen, zu lösen und klar zu erleben, was jetzt vor unseren Augen ist und unter unseren Füßen liegt.
Großer Dank für jede Form der Unterstützung, vor allem für euer Sitzen!
Von Herzen,
Christoph
Neue Meditationszeiten im Zendo ab 6.10.:
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