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Virtuelles Zendo

Etty Hillesum war eine niederländisch-jüdische Intellektuelle. Während der NS-Zeit führte sie ein Tagebuch und hinterließ Briefe, worin sie ihre menschliche und spirituelle Entwicklung unter den Bedingungen von Krieg und Verfolgung widerspiegelt. Darin schreibt sie: "Das ist unsere einzige moralische Aufgabe: In sich selbst große Bereiche urbar zu machen für die Stille, sodass man diese Stille wieder auf andere ausstrahlen kann. Und je mehr Stille in den Menschen ist, desto ruhiger wird es in dieser aufgeregten Welt." Täglich erreichen uns schreckliche Nachrichten aus der näheren und ferneren Welt: ob es das Flüchtlingsdrama im Mittelmeerraum oder das unsägliche Leid, nicht nur in der Provinz Bergamo, ist, wo viele Menschen ohne den Beistand der Angehörigen sterben. Können wir der Welt mit der Übung des Zazen helfen? Seit einer Woche haben wir ein neues virtuelles Zendo errichtet. https://swiy.io/gemeinsam-sitzen Es wird zwei Mal pro Tag gemeinsam Zazen praktiziert. Und es findet großen Anklang, sodass bei jedem Sitzen jeweils weit über 50 Menschen dabei sind. Und vielen gibt es eine Struktur in ihrem Alltag. Das ist wirklich sehr erfreulich, sodass ein immer größerer Zusammenraum entsteht, der alles miteinschließt. Wir bieten am kommenden Wochenende eine Einführung in die Meditation online an. Bitte gebt die Information gerne an andere weiter. Wenn wir aufgerichtet still sitzen, kommen wir mit dem weiten und offenen Raum in Berührung. In ihm ist buchstäblich Platz für alles. Da gibt es kein Entweder-oder. Alles darf sein. Und da ist Platz für alle Menschen, die heute allein sterben. Im Tiefsten sind wir selbst der weite Raum. Wir selbst sind die Stille, die alles und jeden umarmt, miteinschließt und so wandelt. In ihm ist auch Platz für das, was wir nicht so gerne mögen: die ungeheilten Wunden, die Ängste und Schmerzen und Schreie der Welt. Etty Hillesum schreibt an einer anderen Stelle. (Sie verwendet für ihre Erfahrung das Wort Gott. Vielleicht hatte sie kein anderes Wort zur Verfügung.) "Es ist das einzige, auf das es ankommt: ein Stück von dir in uns selbst retten, Gott. Vielleicht können wir mithelfen dich in den gequälten Herzen der anderen Menschen auferstehen zu lassen … und mit fast jedem Herzschlag wird mir klarer, dass du uns nicht helfen kannst, sondern, dass wir dir helfen müssen und dadurch helfen wir uns selbst." (Aus dem Buch: Das denkende Herz) Wenn wir sitzen, sitzen wir mit dem ganzen Universum. Jedes Mal, wenn wir einatmen, nehmen wir Moleküle in uns auf, die uns verändern bis in unsere Zellstruktur hinein... mit diesen Molekülen nehmen wir Teile anderer Menschen in uns auf, Moleküle auch von Tieren und Dingen… Moleküle aus längst vergangenen Zeiten... in diesem stetigen Austausch stehen wir in einem nie endenden Wandlungsprozess, stehen wir in Verbindung mit anderen Wesen zu allen Zeiten… In diesem Bewusstsein sollten wir stets sitzen. Zazen soll wie eine "Akkupunkturnadel" sein, die trifft. So wirkt sie heilsam. "Es ist wie ein Hammer, der die Leere anschlägt. Vor und nachher klingt sein feiner Ton überall hin…" (Meister Dogen) Bei jedem Sitzen kommt das wahre Wesen unseres Herzens zum Leuchten. Mit jedem Zazen zünden wir eine Kerze in der Welt an. Seien wir weiterhin großzügig darin! Ich danke euch, Christoph

Zendo Rosinagasse: 1150 Wien, Rosinagasse 8/11